„Verkehrswende Bonn“, nur ohne Verkehrswende?

Vor einigen Monaten hatte sich in Bonn eine Initiative unter dem Titel „Verkehrswende Bonn“ gegründet. Die Initiative möchte … ja, was eigentlich? Auf den ersten Blick scheint es um die Themen Fahrrad und Umwelt zu gehen, kommuniziert wird via Facebook und dem Blogsystem des BonnLab. Das BonnLab ist eine Art privat betriebener Bürger-Workshop-Treff im rechts-rheinischen Bonn-Beuel.

Was mich von der Initiative fern hielt, war an erster Stelle die Terminplanung der Initiative. Man trifft sich Montags-Morgens um elf Uhr, regelmäßig machbar eigentlich nur für Rentner, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose. Berufstätige sind offenbar nicht erwünscht, schade eigentlich.

Was mich in den folgenden Wochen irritierte, waren gewisse Unschärfen in den Blogbeiträgen der „Bürgerexperten“, zum Beispiel bei den einzuhaltenden Abständen von Radfahrern gegenüber parkenden Autos oder zum Straßenrand.


Der Radfahrer selbst muss auf den Straßen einen Sicherheitsabstand zu parkenden Autos von bis zu 1,20m (PKW) und 1,50m (LKW und Busse) einhalten. Um eine Kollision  mit plötzlich öffnenden Autotür zu vermeiden. Hielten sich alle beteiligten Verkehrsteilnehmer in Bonn an diese Sicherheitsabstände, gäbe es deutlich weniger Fahrradunfälle. Viele Personen würden angstfrei auf das Fahrrad umsteigen. Der Bußgeldkatalog ahndet Autofahrer*Innen bei einem zu geringen Überholabstand mit 30€, würde es kontrolliert.


https://bonnlab.de/sicher-auf-den-strassen-in-bonn-radeln/

Seltsam, denn die Bonner Polizeipräsidentin bestätigte mir während einer Sitzung des Polizeibeirates Bonn/Rhein-Sieg, die von Radfahrern einzuhaltenden Abstände zur Gosse (meist ein schmaler, gepflasterter Streifen zwischen Asphalt und Bordstein) betrügen 70 cm und der Abstand zu parkenden Autos betrüge einen Meter. Alles kein Drama, aber die „neuen“ Zahlen fallen dem interessierten Radfahrer doch auf. Zumal das Thema Sicherheitsabstände schon relativ viele Interpretationen hervor gebracht hat. Als nächstes stolperte ich über einen Absatz zum Thema „Fahren im Verband“:


Der Führer eines Verbandes, zB. bei ADFC-Touren für gewöhnlich der Tourenleiter, hat dafür Sorge zu tragen, dass der Verband sich gemäß den Verkehrsregeln verhält. Dies gilt insbesondere für Geschwindigkeit, Abstand und das Überholen. Den Anweisungen des Verbandsführers ist daher unbedingt Folge zu leisten. (NRW ADFC KV Bottrop)


https://bonnlab.de/radfahren-in-einer-gruppe-geschlossener-verband/

Jeden letzten Freitag im Monat rollt in Bonn die „Critical Mass“ als Verbandsfahrt durch Bonn. Die Critical Mass ist im Grunde eine Fahrrad-Demo, die sich die Straßenverkehrsordnung zu nutze macht. Denn ab einer Teilnehmerzahl von 15 Personen gilt eine solche Gruppe als Verband, wie beispielsweise ein Sattelschlepper, und genießt damit gewisse Vorrechte. Zum Beispiel darf die geschlossene Gruppe bei grünem Signalzeichen auf eine Kreuzung einfahren und diese auch bei Rot noch weiter überqueren. Einen Sattelschlepper teilt man schließlich auch nicht in zwei Teile, wenn die Ampel umspringt. Doch „Führer“ gibt es dort nicht und auch keine „Tourenleiter“. Wer an der Spitze fährt, der bestimmt die Route. Weiter geht es mit den „Schutzstreifen“:


Die Schutzstreifen sind gemäß Verwaltungsrichtlinie  mit 1,50 m Breite auf den Straßen zu kennzeichnen, mindestens jedoch mit einer Breite von1,30 m.Auf Bonns Straßen und anderenorts wird die Mindestbreite in der Regel weit unterschritten.


https://bonnlab.de/das-rad-die-verkehrswende/

Eigentlich fangen Schutzstreifen bei 1,25 Meter an. Wenn man aber von 1,30 Metern ausgeht, stimmt die Aussage natürlich. Denn die meisten Schutzstreifen in Bonn sind 1,25 Meter breit. Drastisch unterschritten werden die vorgeschriebenen Maße punktuell, zum Beispiel zwischen Bertha-von-Suttner-Platz und Stadthaus (80 cm) oder „Auf dem Grendt“ in Bonn-Beuel (ca. 45 cm). Gegen solche Scheinschutzstreifen kann man klagen und es wäre schön, wenn irgendwelche Initiativen dies tun würden. Generell gilt: Schutzstreifen machen das Radfahren nicht sicherer, sondern gefährlicher. Denn die Autofahrer sind „spurtreu“ und denken, wenn jeder seine Spur hat, reicht ein Handbreit Abstand zum überholen. Der Mindest-Sicherheitsabstand (1,50 Meter) gilt allerdings auch, wenn ein Schutzstreifen vorhanden ist. Deshalb irritierte mich auch die Forderung eines Mitgliedes der Initiative „Verkehrswende Bonn“ auf Twitter, die den verstärkten Bau von Schutzstreifen in Bonn forderte. Denn die Stadt Bonn tut genau das seit Jahren für horrende Geldbeträge. Es werden jährlich 3,5 Millionen Euro ausgegeben, aber davon wurde bislang kein einziger Meter zusätzlicher Radweg gebaut. Statt dessen werden zig Kilometer Schutzstreifen auf die Fahrbahn gemalt, mit dem Resultat: die Radfahrer fühlen sich auf Bonner Straßen unsicherer.


Unter 25 Städten in der Umfrage mit einer Größe zwischen 200.000 und 500.000 Einwohnern kommt Bonn nur auf den 18. Rang. In vielen Kategorien wie Komfort beim Radfahren, Radverkehrsnetz oder der Sicherheit gaben die Befragten an, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlechtert habe.


http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/Radfahrer-geben-Bonn-schlechte-Noten-article4084948.html

Auch die anscheinen in der Zwischenzeit wieder fallen gelassene Forderung der Initiative nach mehr Fahrradstraßen irritiert, denn diese werden in Bonn großzügig gebaut (20 KM für 500.000,-€ alleine in Bad Godesberg in 2017), um dann von den Autofahrern komplett ignoriert zu werden:


Das Projekt Fahrradstraßen wird von Autofahrern oft nicht akzeptiert. In der „Bastei“ in Bad Godesberg halten sich viele Verkehrsteilnehmer nicht an den Regeln.


http://www.general-anzeiger-bonn.de/ga-erlebniswelt/klasseprojekt/klasse/Der-Kampf-um-den-Platz-article3825233.html

Im Stadtrat, im Verkehrsausschuss und auch im Polizeibeirat kämpfe ich seit mittlerweile fünf Jahren dafür, von dem Budget endlich ordentliche Radwege zu bauen, statt durch Scheinlösungen das Radfahren noch unsicherer zu machen. An dieser Stelle fühlte ich mich zum ersten mal sabotiert von der sogenannten „Verkehrswende Bonn“. In der vergangenen Woche klärte mich dann ein Mitglied der Initiative darüber auf, was tatsächlich das Ziel von „Verkehrswende Bonn“ ist:


Straßen für alle ist das Motto! Keine Schutzstreifen, keine Radstreifen und keine Radwege für Bonn. Lt. Unfallforscher ist der Radverkehr auf der Straße am sichersten.
Wenn man hier Kommentare zur Sache macht, sollte man(n) auch von der Sache Ahnung haben. Scheint sich durch die Bonner Politik zu ziehen.


https://www.facebook.com/fritz.schwirz.1

Die Unfallforscher, die ich kenne, halten die Trennung von Rad- und Fußweg, sowie eine Abgrenzung von Straßen für probate Mittel, um das Radfahren sicherer zu machen. Die Erfolge in Amsterdam, Kopenhagen, Paris, London und Wien belegen dies eindrucksvoll. Richtig gefährlich werden die Einlassungen der Initiative meiner Meinung nach dann, wenn suggeriert wird, Schutzsstreifen müssten gar nicht benutzt werden.


Die Schutzstreifen haben für den Radverkehr keine bindende Wirkung und müssen auch nicht in den Grenzen benutzt werden. Das wird immer wieder falsch publiziert und ist bei Radfahrer*innen und bei PKW-Fahrer*innen unbekannt. Dazu ein ausführlicher Bericht zur Aufklärung in meinem nächsten Artikel.


https://bonnlab.de/so-wird-radfahren-auf-den-strassen-in-bonn-sicherer/?fbclid=IwAR0SGWbU9Xfov5dWazXBSYSA256Vqux-eIKqtZ7HWzzYLRcTyNdyO8XEv5E

Dabei beruft sich die Initiative auf einen Beitrag von fahrradzukunft.de. Dort wird vollkommen zu Recht festgestellt, dass unbenutzbare Schutzstreifen, zum Beispiel wegen Schlaglöchern, nicht zwingend zu benutzen sind.

In Deutschland gilt allerdings das Rechtsfahrgebot und dieses zwingt die Radfahrer auf den Schutzstreifen, wo sie dann am linken Rand des Schutzstreifens fahren müssen, um auch noch Abstand zum Straßenrand bzw. parkenden Autos zu halten. Dort werden sie dann, wegen der Spurtreue der Autofahrer, besonders knapp überholt, obwohl die Autofahrer dort eigentlich die standardmäßigen 1,50 Meter Abstand halten müssten. Tun sie aber nicht (Stichwort: Spurtreue). Bei 1,25 Meter Schutzstreifen und einem Meter Abstand zu parkenden Autos, bleiben dem Radfahrer quasi nur noch 25 cm Platz, um legal zu fahren. Schutzstreifen sind gefährlich, Schutzstreifen müssen weg und nicht nur ignoriert werden. Zumal viele Autofahrer sich auch noch berufen fühlen, den Radfahrer, der sozusagen nicht auf „seiner Spur“ bleibt, zu „erziehen“ und auf den Schutzstreifen zu drängen.


Damit drängt man die  Radfahrer*Innen unrechtmäßig in eine Gefahrenzone.


https://bonnlab.de/das-rad-die-verkehrswende/

Unrechtmäßig sind die Schutzstreifen allerdings nicht. Das Problem ist die STVO, die gilt es zu ändern. Oder man baut einfach keine Schutzstreifen, sondern richtige Radwege, nur für Radfahrer. Genau das will aber die „Verkehrswende Bonn“ offensichtlich nicht.

Die Aussagen der „Verkehrswende Bonn“ irritieren mich zunehmend. Es scheint keinen Konsens zu geben, was überhaupt gewollt oder gefordert wird. Es macht den Eindruck, man wolle sich auf gar keinen Fall mit Autofahrern anlegen, bzw. dem Motorisierten Individualverkehr Platz zugunsten des Radverkehrs weg nehmen. Leider geht es kaum anders, den die Zahl der Autos auf Bonner Straßen hat sich in den letzten 30 Jahren verzehnfacht. Zusätzlich sind die Autos länger und breiter geworden und haben mehr PS. Die Radfahrer, als schwächste Verkehrsteilnehmer, werden werden zwischen den Autos, die immer mehr Platz beanspruchen, förmlich aufgerieben.

Hoffentlich besinnt sich die Initiative „Verkehrswende Bonn“ eines Besseren. Eine Wende erreicht man jedenfalls nicht, indem man den Status-Quo von vor dreißig Jahren fordert und darauf vertraut, der Markt (in diesem Fall der Autofahrer) würde sich durch Wimpel, Fähnchen und Schildchen dazu bewegen lassen, die Regeln einzuhalten, die auf der Straße täglich und millionenfach ignoriert werden. Sysiphos lässt grüßen. Aber immerhin haben die Mitglieder der Initiative ein Hobby gefunden, mit dem man sich die Zeit vertreiben kann. Es gibt Schlimmeres. Sehr viel Hoffnung habe ich, angesichts solcher Statements, allerdings nicht:


… wir haben doch Straßen auf denen man auch mit dem Rad fahren kann, wieso sollten dort nur Autos fahren, wieso Radwege bauen, das gleiche Straßennetz in Deutschland nur mit Radwegen?
Ist doch absurd.
Ein Mensch der Auto fährt ist der gleiche gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer, wir der Mensch der mit einem Rad oder sogar mi einen Handwagen Bier holt. Ich denke, Personen, die keinen Führerschein haben und hier über die StVO schreiben wollen, sind hier falsch. Es gibt schon genug Unsinn und Quatsch im Social Media.


https://www.facebook.com/VerkehrswendeBonn/

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